Kinderarbeit in Lieferketten: Globale Trends und warum unternehmerische Sorgfaltspflichten helfen

Kinder schuften in Minen, arbeiten in Textilfabriken, ernten Kakao- und Kaffeebohnen auf Plantagen. Unternehmen, die in globalen Lieferketten operieren, haben eine konkrete Verantwortung gegenüber Menschenrechten und Umwelt und können einen zentralen Teil dazu beitragen, Risiken von Kinderarbeit zu erkennen und wirksam zu mindern.

Das Ziel der Vereinten Nationen, Kinderarbeit bis 2025 zu beenden, wurde verfehlt. Neueste Erhebungen1 zur globalen Kinderarbeit zeigen dennoch Fortschritte: Weltweit waren 2024 rund 138 Millionen Kinder von Kinderarbeit betroffen, über 20 Millionen weniger als 2020, obwohl der Anteil der Bevölkerung unter 18 Jahren um 230 Millionen gestiegen ist2. Dieser Fortschritt ist jedoch fragil: Globale Haushaltskürzungen, neue Krisen, Konflikte und der Klimawandel3 bedrohen die erreichten Erfolge. Um Kinderarbeit in allen Formen innerhalb der nächsten fünf Jahre zu beenden, müsste das derzeitige Tempo der Fortschritte elfmal schneller sein.

Zahlen und Fakten zur weltweiten Kinderarbeit

Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren sind am stärksten betroffen und machen 57 Prozent aller arbeitenden Kinder aus, etwa 79 Millionen. Besonders gefährliche Arbeiten werden überdurchschnittlich häufig von jüngeren Kindern verrichtet. In Subsahara-Afrika sind über zwei Drittel der Kinder in Kinderarbeit jünger als zwölf Jahre.

Die sektorale Verteilung zeigt, dass die meiste Kinderarbeit in der Landwirtschaft stattfindet, nämlich 61 Prozent. Dienstleistungen wie Hausarbeit oder Straßenverkauf folgen mit 27 Prozent, Industrie wie Bergbau oder Fertigung mit 13 Prozent. Daten aus 33 Ländern zeigen, dass rund 40 Prozent der 5 bis 14-jährigen arbeitenden Kinder mindestens einem gefährlichen Risiko ausgesetzt sind, zum Beispiel dem Tragen schwerer Lasten, extremen Temperaturen, Staub oder dem Umgang mit gefährlichen Werkzeugen45. Diese Arbeiten gefährden die Gesundheit, Sicherheit oder Entwicklung der Kinder.

© UNICEF/UNI701344/Rasnat

Unternehmensverantwortung und Kinderarbeit

Kinderarbeit entsteht nicht zufällig, sondern meist genau dort, wo strukturelle Risiken hoch sind. Dazu gehören weit verbreitete Armut, mangelnder Zugang zu Bildung, fragile Sozialsysteme, informelle Arbeitsstrukturen und begrenzte wirtschaftliche Alternativen für Familien. Kinderarbeit findet sich deshalb oft in komplexen Sektoren wie Mica-Abbau in Madagaskar6, Cobalt Abbau im Kongo, der Textilproduktion in Bangladesch7, auf Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste oder Kaffeeplantagen in Honduras8. Es gibt diverse Belege dafür, dass freiwillige Maßnahmen von Unternehmen unzureichend sind, um die am stärksten gefährdeten Kinder am Anfang dieser Lieferketten zu schützen910. Deshalb schaffen Lieferkettengesetze für Unternehmen einen verbindlichen Rahmen, um menschenrechtliche Risiken frühzeitig zu identifizieren, Maßnahmen zu ergreifen und im Schulterschluss mit Regierungen und Partnern genau dort zu investieren, wo Kinder am verletzlichsten sind.

Eine gezielte und an internationalen Standards orientierte Umsetzung der unternehmerischen Sorgfaltspflicht durch das Monitoring der menschenrechtlichen Risiken, ein sogenannter risikobasierter Ansatz, hilft Unternehmen dabei, systematisch zu prüfen, wo die größten Gefährdungen für Kinderrechte bestehen, welche Geschäftsmodelle, Preisdruckmechanismen oder Beschaffungspraktiken unbeabsichtigt Kinderarbeit fördern und wie präventiv gehandelt werden kann. So können Unternehmen Risiken wie Kinderarbeit nicht nur erkennen, sondern ihnen aktiv vorbeugen indem sie die Ursachen adressieren, Risiken mindern und im Ernstfall wirksame Abhilfe schaffen.

Unternehmensbeispiel: VF Corporation

Ein praxisnahes Beispiel liefert VF Corporation, ein multinationaler Bekleidungs- und Schuhhersteller. VF erkannte, dass Risiken für Kinder nicht nur in der direkten Fabrikarbeit entstehen, sondern durch die Kombination von instabilen Einkommen der Eltern, fehlendem Zugang zu Bildung, Gesundheitsdiensten und schwachen sozialen Sicherungssystemen. 2017 startete VF das Worker & Community Development Programm, um systemisch auf Kinderrechte einzuwirken. Das Programm verfolgt drei zentrale Ziele. Erstens die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Fabriken, zweitens die Stärkung der Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und drittens den Ausbau von Gemeinschaftsstrukturen für Bildung, Gesundheit und soziale Unterstützung. VF integriert Kinderrechte aktiv in seine Lieferkette, nutzt Monitoring, Schulungen, Community-Programme und systematische Partnerschaften mit NGOs und lokalen Behörden11.

© UNICEF/UN0378258/PANJWAN

Implikationen für Lieferkettengesetze

Das Beispiel zeigt, dass Prävention, soziale Unterstützung und nachhaltiges Lieferkettenmanagement Hand in Hand gehen müssen, um Kinderarbeit wirksam zu bekämpfen. Audits oder Lieferantenverträge reichen nicht aus12, um ein auf tiefer struktureller Ungleichheit basierendes Problem wie Kinderarbeit abzuschaffen. Unternehmen tragen deshalb im Rahmen ihrer Sorgfaltspflichten eine klare Verantwortung, nicht nur Risiken zu erkennen und zu adressieren, sondern aktiv die Systeme zu stärken, die Kinder schützen. Nur in diesem Zusammenspiel können Risiken nachhaltig reduziert und Fortschritte gesichert werden.

Genau diese Realität zeigt, warum Lieferkettengesetze mit einem klaren risikobasierten Ansatz unverzichtbar sind. Mit der EU-Lieferkettenrichtlinie, die bis 2028 in deutsches Recht umgesetzt werden muss, wird das deutsche Lieferkettengesetz um diesen Ansatz ergänzt. Dieser zwingt Unternehmen, systematisch hinzuschauen, präventiv Maßnahmen zu ergreifen, transparente Lieferketten zu schaffen und gezielt dort zu investieren, wo Kinder besonders gefährdet sind. So werden systemische Ursachen adressiert und nicht nur Symptome behandelt1314.


1 ILO / UNICEF (2025): Kinderarbeit. globale Schätzungen 2024, Trends und der Weg in die Zukunft.

2 UNICEF (2025): State of the World’s Children 2025. Ending child poverty: our shared imperative.

3 ILO/UNICEF (2024): Klimawandel als Treiber von Kinderarbeit

4 ILO / UNICEF (2025): Kinderarbeit. globale Schätzungen 2024, Trends und der Weg in die Zukunft

5 Fair Labour (2025): Guidance on Preventing and Addressing Child Labor in Supply Chains

6 Initiative Lieferkettengesetz (2025): Im Schatten des Glitzers: Wie Kinder nach dem Mineral Mica schürfen

7 UNICEF (2019): A Gathering Storm. Climate Change Clouds the Future of Children in

Bangladesh

8 UN-Joint Programme (2024): CLEAR Supply Chains: Ending child labour in supply chains

9 Save the Children/UN Global Compact/UNICEF (2022): Charting the Course. Embedding Children’s Rights in Responsible Business Conduct.

10 BMAS (2020): NAP Monitoring

11 Article One/NBIM/UNICEF (2021): Addressing Children‘s Rights in the Garment and Foortwear Supply Chain

12 Save the Children (2023): Studie „Child Rights Risks in Global Supply Chains: Why a ‘Zero Tolerance’ Approach is not Enough“

13 UNICEF (2022): Child Labour and Responsible Business Conduct. A Guidance Note for Action

14 UNICEF (2022): Kinderarbeit bekämpfen: Ein Leitfaden für Führungskräfte

Weitere Fallbeispiele

Newsletter abonnieren